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Gesellschaftliche Veränderung und Innovationen führen zum einen zu mehr Freiheiten und Auswahlmöglichkeiten für junge Menschen. Sie haben so große Freiräume für ihre Lebensführung wie vermutlich niemals zuvor, das verlangt von ihnen jedoch auch hohe Kompetenzen, diese Freiräume produktiv zu nutzen (Ecarius 2020, Nilsen et al. 2018). Die Jugendzeit ist zudem geprägt durch eine besonders enge Staffelung von Entwicklungsaufgaben. Dazu zählen das Akzeptieren der körperlichen Veränderungen, die sukzessive emotionale Ablösung von den Eltern, der Aufbau von sozialen Beziehungen, die Aufgabe, sich schulisch und manchmal bereits beruflich zu qualifizieren, sich Regenerationsstrategien zu erarbeiten und an gesellschaftlichen Debatten und Entscheidungen zu partizipieren (Havighurst 1982, Quenzel 2015).

Jugendstudie Österreich

Die Pädagogischen Hochschulen Österreichs führten 2020 in Anlehnung an Shell Holding Deutschland (letzte Ausgabe 2019) eine Jugendstudie durch, um Einblicke in die Werthaltungen und Lebenswelten von Jugendlichen in Österreich zu erhalten (Jugendforschung PH Österreichs, 2021). Zielgruppe waren Jugendliche zwischen 14 und 16 Jahren. In diesem Alter kommt es zur sukzessiven Ablösung von den Eltern und die Jugendlichen denken über ihren künftigen Weg nach oder haben sich bereits für eine weitere Ausbildung entschieden. Die Hochschule für Agrar- und Umweltpädagogik Wien analysierte als Projektpartnerin die Jugendlichen des land- und forstwirtschaftlichen Schulwesens (s. Kirner 2021).

Die Grundlage für die Datenerhebung bildete ein standardisierter Online-Fragebogen, die Erhebungen wurden im Frühjahr 2020 im Klassenverband aller Schultypen für die Schulstufen neun bis elf durchgeführt. Die Stichprobe umfasst insgesamt 14.432 Schülerinnen und Schüler, die Teilstichprobe für das land- und forstwirtschaftliche Schulwesen beträgt 4.181 (s. Tabelle). Davon besuchten rund 65 Prozent eine land- und forstwirtschaftliche Fachschule (LFS) und knapp 35 Prozent eine höhere land- und forstwirtschaftliche Lehranstalt (HBLA). Mädchen und Jungen verteilen sich annähernd gleichmäßig in der Stichprobe. Unter den knapp 4.200 Schülerinnen und Schülern hatten zum Befragungszeitpunkt knapp 57 Prozent einen Hof zu Hause und fast 83 Prozent unter ihnen wollten diesen Hof in Zukunft übernehmen. Die Hofnachfolge wollen zu 64 Prozent Jungen und zu 36 Prozent Mädchen antreten.

Freizeitverhalten

Was machen junge Menschen in der Freizeit? Um diese Frage zu beantworten, wurden 21 Freizeitaktivitäten im Fragebogen vorgegeben. Folgende fünf Aktivitäten kristallisierten sich als die wichtigsten unter allen Jugendlichen in Österreich heraus:

  • das Internet zur Unterhaltung nutzen,
  • im Internet Kontakt zu Freundinnen und Freunden halten,
  • Musik bewusst hören,
  • zu Hause rumhängen und
  • mit Computer oder Playstation spielen.

Weniger wichtig waren Lesen, Kino, Jugendtreffs oder Tanzen. Betrachtet man die Jugendlichen im agrarischen Schulwesen, so zeigt sich eine etwas abweichende Reihung, wie Abbildung 1 verrät. Zum einen nutzen junge Menschen in agrarischen Schulen weniger oft das Internet, zum anderen verbringen sie deutlich mehr Zeit mit Tieren und in der Natur. Für Schülerinnen und Schüler, die einmal einen Hof übernehmen wollen, sind Tiere und Natur in der Freizeit besonders wichtig: 59 Prozent von ihnen beschäftigen sich sehr oft mit Tieren und 46 Prozent halten sich sehr oft in der Natur auf.

 

Sicherheitsbedürfnis

Die Erwartungen an Beruf und Arbeit unterscheiden sich hingegen kaum zwischen Jugendlichen aller Schultypen und jenen aus dem agrarischen Schulwesen. Oberste Priorität hat ein sicherer Arbeitsplatz, gefolgt von der Vereinbarkeit von Familie und Beruf sowie die Möglichkeit, etwas Sinnvolles zu tun. Soziale Kontakte in der beruflichen Tätigkeit werden hingegen von jungen Menschen (besonders den männlichen) als weniger wichtig eingestuft, denn die "Möglichkeit, sich um andere zu kümmern" und "viele Kontakte zu anderen Menschen" belegen die letzten Plätze unter allen 13 im Fragebogen aufgelisteten Berufserwartungen.

Ähnliche Einschätzungen können für die Erwartungen an eine Partnerschaft identifiziert werden, auch hier weichen die Antworten der Schülerinnen und Schüler aus agrarischen Schulen nur wenig vom Durchschnitt ab: Sich verlassen können, gemeinsam Spaß haben und Treue sind die drei zentralen Erwartungen an eine Partnerschaft. Jugendliche mit der Absicht, später einmal einen Hof zu übernehmen, wünschen sich eher einen Partner oder eine Partnerin, der/die vom selben Land kommt und die gleiche Religion ausübt als andere Jugendliche.

Gute Beziehungen

Bei der Frage, was jungen Menschen im Leben wichtig ist, kristallisierten sich unabhängig vom Schultyp drei zentrale Werthaltungen heraus:

  • gute Beziehungen,
  • eine gute Ausbildung und
  • Unterstützung für Freundinnen beziehungsweise Freunde.

Diese Werthaltungen stuften junge Frauen wichtiger ein als junge Männer. Unterschiede zeigten sich nach dem Schultyp bei einigen traditionellen Werthaltungen, diese waren für Schülerinnen und Schüler im agrarischen Schulwesen wichtiger als für Schülerinnen und Schüler aller Schultypen.

Zukunftspläne

Junge Menschen in Österreich haben feste Pläne für ihre Zukunft, sie sind auch überwiegend davon überzeugt, ihre Pläne zu verwirklichen. Besonders ausgeprägt ist der Optimismus unter jungen Männern sowie unter Schülerinnen und Schülern mit der Absicht zur Hofübernahme. Trotzdem herrschen auch Ängste vor, bei Mädchen sind diese deutlich ausgeprägter als bei jungen Männern. Klima- und Umweltschäden sowie die Angst, dass die Familie zerbrechen könnte, zählten zu den wichtigsten Ängsten von jungen Menschen im agrarischen Schulwesen.

Politik spielt für junge Menschen eine eher untergeordnete Rolle, wobei junge Männer politisch mehr interessiert sind als Mädchen. Dafür sind junge Frauen offener gegenüber der interkulturellen Migration als junge Männer, wie Einstellungen zur Flüchtlingshilfe oder über das Zusammenleben mit Menschen aus anderen Kulturen belegen. Die Einstellung zur Integration unterscheidet sich auch nach dem Schultyp, wobei Schülerinnen und Schüler im agrarischen Schulwesen die interkulturelle Integration skeptischer sehen als der Durchschnitt der österreichischen Jugend.

Gesunde Lebensmittel

Was sich junge Menschen in land- und forstwirtschaftlichen Schulen in Bezug auf die Landwirtschaft in Österreich wünschen, wurde durch sieben Statements im Fragebogen ergründet (s. Abbildung 2). Ganz oben steht sowohl bei Mädchen als auch bei Jungen die Aufgabe, die Bevölkerung mit gesunden Lebensmitteln zu versorgen. Hofübernehmerinnen und Hofübernehmer schätzten dies etwas wichtiger ein als Schülerinnen und Schüler ohne Hofnachfolge.

Der Wunsch nach hohen Tierwohlstandards folgt als zweitwichtigstes Statement, hier zeigen sich kaum Abweichungen nach dem Geschlecht oder der Absicht zur Hofübernahme. Junge Menschen wünschen sich zudem eine Landwirtschaft, die zum kulturellen Leben beiträgt, wobei junge Männer und Hofübernehmer dies als wichtiger einstuften als junge Frauen oder Jugendliche ohne Hofnachfolge. Eine moderne und kosteneffiziente Landwirtschaft oder eine Landwirtschaft mit größeren und spezialisierten Betrieben wurde ebenso von Hofübernehmerinnen und Hofübernehmern sowie von jungen Männern stärker präferiert als von den anderen. Genau umgekehrt waren die Einschätzungen bei der Einstellung zur Umwelt.

Qualitätsstrategie

Die 1.965 Hofübernehmerinnen und Hofnachfolger in der Stichprobe wurden darüber hinaus gefragt, wie sie ihren Betrieb nach einer Hofübernahme ausrichten wollen (s. Abbildung 3). Mit großem Abstand bevorzugten die jungen Menschen eine Qualitätsstrategie, im Fragenbogen wurden als Beispiele Marken- oder Tierwohlprogramme angegeben. Diese Einschätzungen teilten die Geschlechter in gleicher Weise.

Die Strategien "Spezialisierung und Intensivierung", "innovatives Wirtschaften" und "Wachstum" folgten mit einer Zustimmung von 65 bis 70 Prozent zu den ersten beiden Abstufungen der fünfteiligen Skala ("trifft voll" beziehungsweise "eher" zu). Alle diese drei Statements wurden von Hofnachfolgern wichtiger eingestuft als von Hofnachfolgerinnen. Die Erwerbskombination und mehr Umweltschutz folgten mit knapp unter 60 Prozent, wobei hier die Abweichungen nach dem Geschlecht nur gering waren. Rund jeder Vierte konnte sich ganz sicher eine Bewirtschaftung im Nebenerwerb vorstellen.

Fazit

Junge Menschen haben ein großes Sicherheitsbedürfnis und befürworten traditionelle Werte wie gute Beziehungen oder Treue in der Partnerschaft. Die Werthaltungen oder die Erwartungen an die Arbeit und eine Partnerschaft der Jugendlichen im agrarischen Schulwesen weichen kaum vom Durchschnitt aller Jugendlichen in Österreich ab. Die agrarische Jugend tickt also gar nicht so anders als Jugendliche aus urbanen Lebenswelten.

Trotzdem zeigen sich auch einige interessante Unterschiede beim Freizeitverhalten oder dem Umstand, dass Schülerinnen und Schüler mit Absicht zur Hofnachfolge festere Zukunftspläne haben. In Bezug auf die Landwirtschaft fällt auf, dass Jugendlichen hohe Tierwohlstandards sehr wichtig sind, und zwar unabhängig vom Geschlecht und der Hofnachfolge. Ein Indiz dafür, dass künftige Landwirtinnen und Landwirte bereit sind, auf gesellschaftliche Wünsche vermehrt einzugehen. In Bezug auf eine umweltfreundliche Landwirtschaft mit vielen Biobetrieben oder eine moderne und effiziente Landwirtschaft gehen die Meinungen in Abhängigkeit von Geschlecht und der Hofnachfolge jedoch auseinander. Künftige Hofnachfolgerinnen und Hofnachfolger setzen in Zukunft mehr auf Qualität, Spezialisierung und Innovation und weniger auf das betriebliche Wachstum.

Literatur

Ecarius, J. (2020): Jugend: Moderne und spätmoderne Generationsmuster. In: Grunert,, C.; Bock, K.; Pfaff, N.; Schröer, W. (Hrsg.), Erziehungswissenschaftliche Jugendforschung, Wiesbaden, S. 35-52.

Havighurst, R. J. (1982): Developmental Tasks and Education, New York.

Jugendforschung Pädagogische Hochschulen Österreichs (2021): Lebenswelten 2020 – Werthaltungen junger Menschen in Österreich, Innsbruck.

Kirner, L. (2021): Lebenswelten 2020: Werthaltungen junger Menschen in agrarischen Schulen in Österreich, Innsbruck und Wien.

Nilsen, A.; Brannen, J.; Vogt, K. C. (2018): Transitions to Adulthood. In: A. Lange, A.; Reiter, H.; Schutter, S.; Steiner, CH. (Hrsg.). Handbuch Kindheits- und Jugendsoziologie, Wiesbaden, S- 93-96.

Quenzel, G. (2015): Entwicklungsaufgaben und Gesundheit im Jugendalter, Weinheim, Basel.

Shell Deutschland Holding (2019): Jugend 2019. Eine Generation meldet sich zu Wort, Weinheim.